Burkhard Wegener

Liedermacher und Autor

Burkhard Wegener
Liedermacher und Autor

"Sie sehen wirklich nichts" -

ein Band mit mal kuriosen, meist satirischen aber auch mal nachdenklichen Erzählungen jetzt im Buchhandel und unter Kontakt für 12 € frei Haus (inkl. Mwst., Porto und Verpackung) erhältlich (45 Seiten). 

ISBN: 978-3-565017-09-6

Hier schon mal als "Vorspeise", der Anfang der Titelgeschichte:

front

Sie sehen wirklich nichts

Was benötigt man für eine historische Stadtkernführung? Einen historischen Stadtkern? Nun, darüber könnte man streiten. Ein solcher ist in unserer schönen Heimatstadt nämlich nicht vorhanden, was den ebenso kundigen wie fülligen Stadtführer ein wenig verlegen macht. „Normalerweise wird auf Führungen immer irgendetwas gezeigt“, spielt er eine hilflose Bewegung, um dann trotzig in die Gruppe wissensdurstiger Enttäuschter zu blicken, „in diesem Sinn ist dies eine ungewöhnliche Führung, denn: Sie sehen wirklich nichts!“

Er schart die verdutzten Rentner um sich, hantiert mit Heftchen und Fünf-Euro-Scheinen, dem Obolus für die historische Stadtkernführung. Erste Zweifel kommen auf: denn wo es nichts zu sehen gibt, ist vielleicht nie etwas gewesen…? Eine Führung soll es trotzdem geben, für Spannung ist gesorgt, lassen wir uns darauf ein.

Zugemutet wird uns ein 90minütiger Fußmarsch durch die wahrhaft nicht besonders attraktive Innenstadt. Schnaubend wälzt sich der Tross durch die verödeten Straßen. Verweilt er an einem nichtssagenden Ort (etwa an der Ecke Kapuzinergasse / Rathenaustraße), spitzt er bereitwillig den Mund zu einem bedeutungsvollen „Oh!“ oder es entrinnt ihm ein raunendes Ahnen.

Doch die Erkenntnis wächst, dass der Führer wohl Recht hat: Kein verwitterter Rest der ehemaligen Stadtmauer, kein alter Brunnen, keine ehrwürdige Gründerzeit-Villa – nichts! Die Skala des Nichts reicht von der unsichtbaren Friedhofsmauer am Burgplatz bis zu einem imaginären Wildschweinknochen - zirka 10.000 Jahre alt - am Viehofer Platz. Der wurde zwar irgendwann tatsächlich gefunden, ist aber nur noch im Museum zu bestaunen.

Wie wird wohl die Idee für eine solch skurrile Veranstal-tung geboren? Wer schlägt im Rathaus mit der flachen Hand auf den stadteigenen Schreibtisch und jubelt: „Heureka! Das ist es, was wir unbedingt brauchen!“? Um das Image der „Hart-wie-Kruppstahl“-Stadt abzuschütteln, wird die vor-vorindustrielle Vergangenheit auf Teufel-komm-raus feingeputzt. Eine Gruppe junger Wissenschaftler schabt und kratzt die Geschichtsträchtigkeit aus allen Ecken der kühlen Stadt im Revier hervor und schleppt Archäologen, Heimatforscher, Museumspädagogen, mit sich: der Forscherbazillus ist ausgebrochen. In einer Stadt, in der es nichts zu sehen gibt, werden Gegenstände ausgestellt: Im Museum sieht man wenigstens etwas. Doch wie im Gruselkabinett bleiben die Dinge unwirklich und fast sakral, eine Begegnung mit der Vor-Zeit findet nicht wirklich statt. Daher auch eine historische Stadtkernführung, um Vergangenes verorten zu können.              

Beim Betrachten eines Fresstempels gegenüber der Marktkirche entfährt einer älteren Dame ein wehmütiges Schluchzen...

"Sie sehen wirklich nichts - Satiren und andere kurze Erzählungen" (2025)