(2025) - ein Band mit 12 kuriosen, meist satirischen aber auch mal nachdenklichen Erzählungen (45 Seiten).
Bestellbar hier für 12 € frei Haus (inkl. Mwst., Porto und Verpackung)
Oder im Buchhandel: ISBN: 978-3-565017-09-6.
Hier schon mal als "Vorspeise" die Geschichte "Das Wiedersehn":
Das Café lag in der Nähe der Ruhr und war bekannt für Sonntagsspaziergänger, prokrastinierende Studenten und für Kaffee und Kuchen. Ich ging schon mal rein - draußen warten liegt mir nicht - und setzte mich an den einzigen freien Tisch. Eine junge hübsche Aushilfsbedienung kam zu mir, ich bestellte mir ein Bier. Sie warf mir einen irritierten Blick zu, schließlich war es erst 4 Uhr nachmittags. Als sie mir entwaffnend lächelnd das Bier brachte, platzte Micha herein. Ich erkannte ihn nur anhand des schlechten Schnappschusses, den er mir vorher per mail geschickt hatte. Mit dem Micha auf dem Foto vom Klassenausflug von vor hundert Jahren hatte seine Erscheinung so gut wie nichts zu tun. Auch Micha gab zu, dass er mich kaum wiedererkannt hatte. Aber weil ich der einzige „ältere Herr“ gewesen wäre, der zur Kaffee-und-Kuchen-Zeit alleine vor einem Bier saß, hätte er sofort auf mich getippt.
„Also, wenn´s dich tröstet: aus unserer Klasse sieht heute keiner mehr so aus wie früher!“, grinste er mich an. Ziemlich schnell kamen wir also auf das Thema Schule zu sprechen, und es fiel mir auf, dass sein Redeanteil immer mehr zunahm. Eine junge Frau mit einem leichten Herbstkleidchen und schwarzen Nylonstrümpfen spazierte durch den Raum und betrachtete die vielen Bilder und Plakate, mit denen das Café geschmückt war. Dabei nippte sie an einem Glas Rotwein und wiegte sich nachdenklich hin und her. Ihr Kleidchen spielte um ihre Beine. Micha rutschte in der Zwischenzeit vom Anekdotenteil aus Schulzeiten in seine eigene Biografie und redete ohne Punkt und Komma. Das Herbstkleidchen kam nah an unserem Tisch vorbeigetänzelt, so dass ich es näher betrachten konnte. Es fiel mir schwer, Michas Ausführungen zu folgen. Er berichtete von seinem einstmals so erfolgreichen Berufsleben als selbstständiger IT-Spezialist, von seinen Aufträgen sogar aus dem Ausland, bis die Scheidung sein Leben zerstörte. Er bestellte uns noch zwei Bier. Diesmal brachte uns der Café-Besitzer die Getränke, die Aushilfe war wohl schon weg. Das Herbstkleidchen saß mittlerweile am Tisch gegenüber und hatte die schwarzen Strumpfbeine übereinandergeschlagen. Mein Interesse wurde bemerkt. In diesem Moment kamen drei weitere Personen an den Tisch der jungen Frau und sie begrüßte einen von ihnen mit einem Kuss. Alle unterhielten sich angeregt und zeigten sich gegenseitig Fotos. Ich versuchte, Michas Redeschwall zu durchbrechen, indem ich wieder auf das geplante Klassentreffen zurückkam. Unsere Schulzeit schien die einzige Gemeinsamkeit zu sein, die uns verband. Ich erzählte von der Schwierigkeit, die damaligen Klassenmitglieder nach so einer langen Zeit aufzutreiben. Zwei waren mittlerweile verstorben, andere selbst in den glorreichen Zeiten des Internets einfach nicht ausfindig zu machen. Und diejenigen, mit denen ich Kontakt hatte, zeigten wenig Interesse. „Ich hatte immer Schwierigkeiten, Mädchen oder Frauen kennenzulernen“. Micha klang melancholisch. „Schuld war diese verdammte Jungenschule! Findest du nicht auch?“ Er sah mich auffordernd an. Ja, auch ich fand es schwierig, eine Freundin zu finden. Zumal auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft keine Mädchen wohnten, nur Rentner oder langweilige Erwachsene. Manchmal glich der Weg zur Straßenbahn einem Friedhofsspaziergang. „Tanzschule war auch keine Lösung…“ ich versuchte, an dem Gespräch teilzunehmen. Micha unterbrach mich sofort: „Bei mir genauso! Man wollte auf Biegen und Brechen ein Mädchen kennenlernen, aber es waren zu wenige da! Meistens musste ich mit einem anderen Jungen tanzen.“ Zwei Frauen am Nachbartisch lachten laut und schauten zu uns hinüber. Hatten sie gehört, worüber wir reden? „Frauen sind ja oft auch komisch“, dozierte Micha weiter, „selbst wenn man meint, sie wollen…wollen sie doch nicht! Seit der Scheidung will ich mit denen nix mehr zu tun haben!“ Eine der Frauen am Nachbartisch war blond, die andere dunkelhäutig mit schwarzen Locken. „Kuck da nicht so auffällig rüber, sind bestimmt Lesben!“ zischte Micha. „Nee, wieso? Lass mich doch kucken…“ Ich fand sie interessant. Die Blonde ging aufs Klo, die Schwarze blieb sitzen und beschäftigte sich intensiv mit ihrem Handy. „Siehste, sag ich doch – die haben der Männerwelt abgeschworen!“ Micha winkte verächtlich ab. „Aber schön, dass wir wieder Kontakt haben! Lass uns mal häufiger treffen, ja?“ Mir fiel auf, dass ich auf eine Fortsetzung unserer Unterhaltung nicht gerade brannte, und ich drängte darauf, zu gehen. „Ich hab zuhause noch was zu tun“, log ich und hielt hektisch nach einer Bedienung Ausschau. Micha nötigte mir seine Handy-Nr. auf und zahlte für mich mit. Auf dem Weg nach draußen ging er vor mir her, und da erkannte ich ihn plötzlich wieder, an seinem typischen Gang.